Warum spricht niemand über Trinkfreude?

Konzentriert, mächtig, übermannend – so kommen die meisten Verkostungssieger und höchstbewerteten Abfüllungen daher, sei es Spirituose, Bier oder Wein. Und doch machen diese Extraktbomben beim Genuss oft gar nicht so viel Trinkfreude oder Lust auf ein zweites Glas. Als Mitglied verschiedener Verkostungsjurys trieb mich diese Frage um. Woran mag das liegen?

Es begann an einem Abend vor einigen Jahren, an dem ich meine Favoriten aus einer Blindverkostung erneut probierte, da ich nun die Resultate kannte. Technisch und intellektuell waren all diese Tropfen einwandfrei, doch irgendwie brachten diese dicken Dinger mein Herz nicht zum Schwingen – auch nicht am Folgetag. Irgendetwas fehlte und überforderte mich gleichzeitig. Zunächst beschäftigte ich mich nicht weiter damit.

Doch mit diesem Wissen im Hinterkopf achtete ich in den folgenden Jahren immer mehr auf dieses sich wiederholende Phänomen, das nicht nur bei mir auftrat, sondern auch bei Kollegen unterschiedlicher Jurys. Parallel dazu fiel uns auf, dass immer dieselbe Art Abfüllung die obersten Plätze belegte: konzentriert, voller starker Primäraromen, vollgepackt und insgesamt gefällig. Man konnte nach Durchsicht der eingereichten Flaschen im nächsten Jahr nahezu voraussagen, welche Profile wieder abräumen würden. Und: Bingo! Zwar gab es gelegentlich Ausreißer, doch sie blieben echte Ausnahmen.

Das Problem liegt einerseits in der Ausgangssituation der Verkoster. Meist werden unter hohen Kosten die weit verstreuten Taster eingeflogen, die dann aus Zeitmangel heraus sehr viele sogenannte Flights (sinnvoll angeordnete Verkostungsgruppen) innerhalb kurzer Zeit bewerten. Bei diesem vergleichenden Ansatz dominiert ungewollt das Intensiv-dominante, weil man sich nicht singulär, sondern vergleichend mit den Getränken auseinandersetzt und die Geschmacksnerven am Limit sind. Faktoren wie Trinkfreude, Kombinierbarkeit und Trinkigkeit (Süffigkeit als Begriff finde ich irgendwie unpassend) werden dabei kaum berücksichtigt. Andere Ansätze wie dezentrale Tastings über mehrere Wochen in Eigenständigkeit entschärfen die Problematik zwar, doch auch hier verhindert der intellektuell-komparative Ansatz und die Menge der zu verkostenden Getränke das wiederholte und tiefe Auseinandersetzen in verschiedenen Situationen. Der Verkostungskontext entspricht hier nur bedingt einem eigentlichen Genusskontext, der erst die Magie eines Drinks wirken lässt. Doch geht es nicht eigentlich genau um den?

Außerdem neigen wir als Menschen zur Quantifizierung und vergleichenden Bewertung. Ebenso lesen wir gerne eine Expertenmeinung und dazu eine Wertung in Punkten, bevor wir mehrere hundert Euro für eine Flasche ausgeben. Hält man sich aber vor Augen, unter welchen Bedingungen so manche Goldmedaille zustande gekommen ist, wundert man sich nicht mehr, dass der hochgelobte und intensive Tropfen unsere Seele irgendwie nicht zu berühren vermag. Ein zweites Glas muss da nicht sein. Genuss spielt sich nicht rein intellektuell ab. Kontext und Muße sind entscheidend dafür, wie wir Getränke wahrnehmen. Diese Tatsachen entziehen sich leider den gängigen Bewertungskriterien. Verlassen Sie sich daher lieber auf den eigenen Geschmack und gehen Sie auf Entdeckungsreise. Expertenbewertungen können lediglich Anhaltspunkte liefern.